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„Wertschätzung und Flexibilität zeigen“  – Madeleine Kerns Tipps zu Anzeigen für Teilzeitjobs

Viele gut qualifizierte Fachkräfte suchen anspruchsvolle Aufgaben in Teilzeit – und verzweifeln am Stellenmarkt. Intransparente Angaben, starre Vollzeit-Dogmen und ein Mangel an Vorstellungskraft auf Unternehmensseite führen zu Frust. Madeleine Kern, Expertin für Personalmarketing, kennt das Problem nicht nur aus ihren Beratungen, sondern auch aus eigener, schmerzlicher Erfahrung. Deswegen ist sie die perfekte Interviewpartnerin zu den Fragen, was in Stellenanzeigen oft schief läuft schiefläuft und wie Unternehmen es besser machen können.

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Madeleine lebt und liebt herausragende Personalarbeit und gründete 2019 ihr eigenes Unternehmen “Personalmarketing Kern”. Mit großer Leidenschaft unterstützt sie kleine, mittlere und große Unternehmen mit individuellen Workshops und Beratung, deren Stellenanzeigen zu optimieren und somit die passenden Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. Das Ganze geht jetzt sogar noch schneller KI-gestützt mit dem JobOptimizer.

Madeleine, du berätst Unternehmen zu Personalmarketing, kennst die Herausforderungen bei der Suche nach einem guten Teilzeitjob aber auch aus eigener, frustrierender Erfahrung. Erzähl doch mal.

Sehr gerne. Ich habe mein Unternehmen damals nebenberuflich gegründet und als meine bisherige Stelle wegrationalisiert wurde, dachte ich: Zur finanziellen Absicherung suche ich mir eine anspruchsvolle Teilzeitstelle. Ich wollte also nicht nur Assistenzaufgaben übernehmen, sondern eine strategische HR-Rolle, nur eben mit reduziertem Stundenumfang. Und das Ergebnis war deprimierend. Es gab schlicht keine passenden Angebote. Immer wenn ich mit meinem Wunsch nach 20 Stunden ankam, hieß es: „Das geht nicht.“

Das Absurde daran ist: Ich habe ja selbst die Erfahrung gemacht, dass es geht. Nach meiner Elternzeit habe ich eine Zeit lang nur 15 Stunden pro Woche gearbeitet und war dabei genauso produktiv wie vorher in 35 Stunden.

Man lässt die Kaffeepause weg und fokussiert sich voll auf die wesentlichen Aufgaben. Dass diese Produktivität möglich ist, ist eine Persönlichkeitsfrage, keine Frage der reinen Anwesenheitszeit. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt.

Dieses Gefühl der Frustration kennen viele. Dazu kommt oft noch, dass Stellenanzeigen nicht konkret genug sind und die Rahmenbedingungen unklar bleiben.

Du sprichst oft von den „4 Ps“ – den vier Faktoren, die in einer Stellenanzeige entscheidend sind, aber oft fehlen: Position (also Gehalt), Pensum (Arbeitszeit), Platz (Arbeitsort) und Pausen (Urlaub). Warum ist es so wichtig, diese Dinge klar zu benennen?

Weil eine Stellenanzeige ein Angebot ist. Und bei einem Angebot möchte ich doch wissen, was drin ist! Unternehmen überhäufen Bewerber oft mit einer langen Liste an Benefits – vom Obstkorb bis zum Jobrad. Das ist die hübsche Schleife um das Geschenk.

Aber den Kern des Angebots, die wirklich entscheidenden Vertragsbestandteile wie Gehalt und Arbeitszeit, den lassen sie weg. Das ist doch die reinste Katze im Sack. Wenn ich von vornherein sehe, dass die Gehaltsspanne nicht zu meinen Lebenshaltungskosten passt oder das Arbeitszeitmodell unrealistisch ist, bewerbe ich mich gar nicht erst. Diese Transparenz spart beiden Seiten unglaublich viel Zeit und Frust.

Warum tun sich Unternehmen so schwer damit? Oft ist das Argument zu hören, man wolle die Leute erst im Gespräch überzeugen, wenn das „Gesamtpaket“ stimmt.

Genau das ist der Denkfehler. Wie soll ich vom Gesamtpaket überzeugt werden, wenn ich die wichtigsten Teile davon gar nicht kenne oder sie unkonkret bleiben?

Bezogen auf die Arbeitszeit sollte eine konkrete Stundenspanne angegeben werden, also zum Beispiel „28-35 Stunden“. Das zeigt, das Unternehmen hat sich wirklich Gedanken gemacht und es gibt einen echten Verhandlungsspielraum. Wenn nur „Teilzeit“ dasteht, kann das alles von 10 bis 35 Stunden bedeuten und ist oft nichtssagend.

Dahinter steckt oft der tief verwurzelte „Vollzeit-Kult“. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass eine wichtige Position auch in Teilzeit ausgefüllt werden kann. Ich hatte mal einen Kunden, der zwei Jahre lang eine Stelle nicht besetzen konnte. Ich bin sicher: Hätte er sie in Teilzeit ausgeschrieben, hätte er innerhalb von Wochen eine hochqualifizierte Person – zum Beispiel eine Mutter, die nur bis 14 Uhr arbeiten kann – gefunden. Darüber hatte er einfach noch nie nachgedacht.

Man könnte meinen, dass große Konzerne mit ihren riesigen HR-Abteilungen mehr Ressourcen für flexible Modelle haben. Du siehst das aber anders und sagst, gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) haben einen entscheidenden Vorteil. Welcher ist das?

Ihre größte Stärke ist ihre immense Flexibilität. Sie sind nicht in starren Konzernprozessen oder dem Denken in „Full-Time-Equivalents“ (Vollzeitäquivalenten) gefangen. Bei ihnen zählt oft der Mensch und das Ergebnis.

Wenn eine Aufgabe erledigt wird, ist es zweitrangig, ob jemand zwischendurch beim Friseur war oder seinen Hund rausgebracht hat – ein echtes Beispiel von einem meiner Kunden! Ich kenne ein kleines Unternehmen, das für einen Vater mit Wechselmodell eine individuelle Lösung geschaffen hat: Eine Woche arbeitet er Vollzeit, die andere in Teilzeit. Das ist eine pragmatische, menschliche Lösung, die in einem Großkonzern oft an der Bürokratie scheitern würde. Diese Agilität und die kurzen Entscheidungswege sind ein riesiger, oft unterschätzter Wettbewerbsvorteil im Kampf um die besten Talente.

Was sind die wichtigsten Punkte in Stellenausschreibungen, die du Unternehmen empfiehlst, um für Teilzeit-Talente wirklich attraktiv zu werden?

Erstens: Transparenz. Nennt die harten Fakten – Gehaltsspanne, mögliche Arbeitszeitmodelle, Urlaubstage, Homeoffice-Regelung. Das gehört über die Liste der Benefits.

Zweitens: Werdet konkret bei Flexibilität. „Flexible Arbeitszeiten“ ist eine leere Phrase. Schreibt rein, wie ihr das lebt! Ein Kunde von mir lässt die Team-Meetings durch die Woche und zwischen Vor- und Nachmittag rotieren, damit alle Teilzeitkräfte regelmäßig dabei sein können. Das ist gelebte Kultur, und das kann man auch so in die Anzeige schreiben.

Vielen, vielen Dank für deine Antworten, Madeleine!